Die wahren Brexit-Folgen für Großbritannien – Wirtschaft 2026 erklärt

Etwas arbeitet im Verborgenen der britischen Wirtschaft. Keine Sirenen, keine Schlagzeilen – nur Zahlen, die sich leise verschieben, und Entscheidungen, deren Wirkung erst Jahre später sichtbar wird.

2026 ist der Moment, in dem sich diese Spuren zu einem Muster fügen. Nicht als Krise, sondern als Erkenntnis: Der Brexit endet nicht mit Verträgen. Er beginnt dort, wo man ihn längst abgehakt glaubte. Ein Blick auf das, was jetzt sichtbar wird.

Grafische Darstellung der wirtschaftlichen Auswirkungen des Brexit auf Großbritannien

Brexit 2026: Warum die eigentlichen Folgen erst jetzt sichtbar werden

Ökonomen vergleichen kurzfristige Konjunkturprognosen gern mit Wettervorhersagen – unzuverlässig, hektisch, oft falsch. Langfristige Effekte hingegen ähneln dem Klima. Und das wirtschaftliche „Klima“ nach dem Brexit hat sich messbar abgekühlt.

Nach aktuellen Analysen des Office for Budget Responsibility (OBR) geht Großbritannien langfristig von einer rund 4 % niedrigeren Produktivität aus, als es mit EU-Mitgliedschaft der Fall gewesen wäre. Exporte und Importe liegen strukturell etwa 15 % unter dem Remain-Szenario .

Das klingt abstrakt. Übersetzt in Alltagsrealität bedeutet es: geringere Reallöhne, weniger Steuereinnahmen, ein dauerhaft engerer finanzpolitischer Spielraum.

Was viele nicht wissen: Der Brexit kostet kein Wachstum – er verlangsamt es

Großbritannien ist nicht in eine Dauerrezession gefallen. Das ist der Punkt, an dem viele Diskussionen enden. Doch laut einer umfassenden Studie von Bloom et al. (NBER, 2025) liegt das britische Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 bereits 6–8 % unter dem Niveau, das ohne Brexit erreichbar gewesen wäre .

Besonders betroffen:

  • Investitionen: −12 % bis −18 %
  • Produktivität: −3 % bis −4 %
  • Beschäftigung: −3 % bis −4 %

Diese Verluste entstanden nicht über Nacht, sondern akkumulierten sich schrittweise – Jahr für Jahr.

Handel nach dem Brexit: Zahlen statt Narrative

Ein zentrales Versprechen der Brexit-Befürworter lautete: globale Handelsfreiheit. Die Realität 2026 ist nüchterner.

Laut dem britischen Unterhaus betrugen die Exporte in die EU im Jahr 2024 rund £358 Mrd., was 41 % aller britischen Exporte entspricht. Die Importe aus der EU lagen bei £454 Mrd. bzw. 51 % aller Einfuhren .

Wichtig dabei:

  • Warenexporte in die EU lagen 2024 18 % unter dem Niveau von 2019.
  • Dienstleistungsexporte hingegen lagen 19 % über dem Vorkrisenniveau.

Der Brexit trifft also nicht alle Sektoren gleich – er verschiebt das wirtschaftliche Gleichgewicht.

Neue Handelsabkommen: Symbolisch wichtig, wirtschaftlich begrenzt

Großbritannien hat seit 2021 über 70 Handelsabkommen abgeschlossen oder übernommen. Doch laut OBR haben diese Abkommen keinen substanziellen Einfluss auf das BIP. Das UK‑Japan‑Abkommen erhöht das BIP langfristig um gerade einmal 0,1 % .

Der Grund ist einfach: Die größten Handelsvorteile entstehen durch Nähe, nicht durch neue Flaggen auf Verträgen. Und geografisch bleibt die EU der wichtigste Partner.

Migration: Weniger EU, mehr Welt – mit Nebenwirkungen

Ein oft übersehener Effekt des Brexit betrifft den Arbeitsmarkt. Die Freizügigkeit endete am 31. Dezember 2020. Seitdem ist die Nettozuwanderung aus der EU negativ.

Im Jahr bis Juni 2025 verließen netto rund 70.000 EU‑Bürger mehr das Vereinigte Königreich, als zuwanderten. Gleichzeitig blieb die Gesamtmigration hoch – getragen fast ausschließlich von Nicht‑EU‑Ländern .

Die Folge: Fachkräftemangel in Pflege, Bau und Gastronomie – trotz hoher Gesamtzuwanderung.

Öffentliche Finanzen: Der unsichtbare Preis

Weniger Produktivität bedeutet weniger Steuern. Laut einer Analyse von John Springford beläuft sich das durch den Brexit verursachte Loch in den öffentlichen Finanzen zwischen 2019 und 2024 auf rund £40 Mrd. .

Rund 40 % der Steuererhöhungen der letzten Legislaturperioden wären ohne Brexit nicht notwendig gewesen. Das ist kein politisches Statement, sondern eine rechnerische Konsequenz.

Was bedeutet das für 2026 – und darüber hinaus?

Der Brexit ist kein Ereignis. Er ist ein Prozess. Einer, der sich leise fortsetzt – in Lieferketten, Investitionsentscheidungen und Standortfragen.

2026 steht zudem die fünfjährige Überprüfung des EU‑UK‑Handels- und Kooperationsabkommens an. Ökonomen erwarten keine Revolution, aber potenziell gezielte Erleichterungen – etwa bei Lebensmittelstandards oder Berufsqualifikationen .

Und hier schließt sich der Kreis: Der Brexit hat Großbritannien nicht „ärmer gemacht“. Er hat es langsamer gemacht. Und Geschwindigkeit ist in einer globalisierten Wirtschaft oft der entscheidende Unterschied.

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