Industrie des Vereinigten Königreichs 2026: Zahlen, Standorte, Realität

Die britische Industrie gleicht einem Motor unter der Haube: leiser geworden, neu verdrahtet, aber voller Drehmoment. Alte Zahnräder wurden ersetzt, Lieferketten umgelegt, Werkshallen vernetzt – das Geräusch hat sich geändert, nicht die Kraft.

Im Jahr 2026 zeigt sich dieses System auf der Landkarte, in Bilanzen und Beschäftigtenzahlen. Wer wissen will, wo die Wärme entsteht und warum sie wieder trägt, beginnt mit den Fakten.

Das Vereinigte Königreich ist heute keine klassische „Werkbank Europas“ mehr. Es ist ein hochkonzentriertes Industrielabor: weniger Masse, mehr Wert, weniger Volumen, mehr Technologie. Wer das übersieht, versteht weder die britische Wirtschaft noch ihre politische Richtung.

In diesem Artikel erfahren Sie, wie stark die Industrie des Vereinigten Königreichs 2026 tatsächlich ist, wo sie produziert, was sie exportiert – und warum alte Annahmen Sie in die Irre führen.

Industrielandschaft des Vereinigten Königreichs mit Fabriken und Infrastruktur im Jahr 2026

Industrie des Vereinigten Königreichs: Die Zahl, die alles verändert

Beginnen wir mit einer Zahl, die fast niemand kennt.

Im Zeitraum Juli–September 2025 machte das verarbeitende Gewerbe 8,6 % der gesamten britischen Wirtschaftsleistung aus. Klingt wenig? Dann kommt der Kontext.

Diese 8,6 % entsprechen einer Industrieproduktion von rund £220 Milliarden jährlich und sichern direkt etwa 2,6 Millionen Arbeitsplätze. Rechnet man Lieferketten und Vorleistungen ein, liegt der gesamtwirtschaftliche Effekt deutlich höher.

Noch überraschender: Im November 2025 stieg die Industrieproduktion monatlich um 2,1 %, der höchste Anstieg seit über einem Jahr. Der Einkaufsmanagerindex (PMI) lag im Dezember 2025 bei 50,6 – erstmals wieder klar im Expansionsbereich.

Der große Irrtum: „Britische Industrie = Automobilindustrie“

Viele setzen britische Industrie automatisch mit Autos gleich.

Ja, die Automobilproduktion ist wichtig. Aber sie erzählt 2026 nur einen Teil der Geschichte – und oft den falschen.

Im Jahr 2024 produzierte Großbritannien 905.233 Fahrzeuge, rund 11,8 % weniger als im Vorjahr. Die Ursache war jedoch kein struktureller Niedergang, sondern der massive Umbau der Werke auf Elektromobilität.

Über £23 Milliarden an Investitionen wurden allein 2023–2024 für die Umstellung auf Elektrofahrzeuge und Batterietechnologie angekündigt. Das Ziel: Ab 2028 wieder über eine Million Fahrzeuge pro Jahr – überwiegend emissionsfrei.

Während Autos Schlagzeilen machen, wachsen andere Sektoren leiser – aber stabiler.

Die wahren Schwergewichte der britischen Industrie 2026

Die größten industriellen Wertschöpfer Großbritanniens sind heute:

  • Lebensmittel & Getränke – größter Industriesektor nach Umsatz
  • Chemie & Pharmazie – besonders exportstark, hohe Margen
  • Maschinenbau & Präzisionstechnik
  • Luft- und Raumfahrt – Schlüsselzulieferer für Airbus, Boeing & NATO
  • Elektronik & Halbleiterdesign

Zusammen machen Industrieprodukte rund 42 % aller britischen Warenexporte aus. Der wichtigste Einzelmarkt bleibt die EU, gefolgt von den USA.

Industriezentren und Produktionsstandorte im Vereinigten Königreich

Wo Großbritannien wirklich produziert: Die entscheidenden Standorte

Industrie in Großbritannien ist kein London-Phänomen. Im Gegenteil.

  • West Midlands – Automobil, Metallverarbeitung, Elektrotechnik
  • North West England – Chemie, Lebensmittel, Maschinenbau
  • Yorkshire & Humber – Werkstoffe, Textilien, High-Value-Fertigung
  • Wales – Raffinerien, Stahl, Halbleiter, Elektronik
  • Schottland – Schiffbau, Offshore-Technik, Präzisionsfertigung
  • Belfast – Luftfahrtkomponenten, Lebensmittelindustrie

London selbst trägt weniger als 2 % zur Industrieproduktion bei – ist aber als Finanzierungs- und Steuerungszentrum unverzichtbar.

Der politische Hebel: Die neue britische Industriestrategie

Seit Juni 2025 verfolgt Großbritannien eine neue, offiziell beschlossene 10-Jahres-Industriestrategie.

Kernpunkte bis 2035:

  • Senkung der Stromkosten für energieintensive Industrie um bis zu 25 % ab 2027
  • £22,6 Milliarden jährliche staatliche F&E-Förderung bis 2030
  • £4 Milliarden für emissionsfreie Fahrzeugproduktion (DRIVE35)
  • Beschleunigte Netzanschlüsse für Großprojekte
  • Gezielte Fachkräfteprogramme für Ingenieure & Techniker

Das Ziel ist klar: weniger Abhängigkeit von Billigimporten, mehr Kontrolle über kritische Technologien.

Was Sie daraus mitnehmen sollten

Die britische Industrie ist nicht verschwunden. Sie hat sich verdichtet.

Weniger Fabriken, höhere Löhne, komplexere Produkte. Weniger Masse, mehr strategischer Wert.

Wenn Sie Großbritannien 2026 nur als Dienstleistungswirtschaft sehen, übersehen Sie den Motor im Hintergrund – und verstehen viele wirtschaftliche und politische Entscheidungen nicht.

Am Anfang stand der Irrtum, die Industrie sei Geschichte.

Jetzt wissen Sie: Sie ist die stille Struktur, auf der alles andere ruht.

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